Mein täglich Brot

kartoffelbrot
Vorbereitungen für mein erstes Kartoffelbrot.

Da ich mir letztes Jahr am 7. Mai alle Knochen gebrochen habe dachte ich mir, dass ich heute etwas anderes machen sollte. Kartoffelbrot zum Beispiel.

Eigentlich hätte ich gerne eine Religieuse oder Macarons oder Pralinen gemacht. Etwas Französisches, Raffiniertes, Leichtes, Schönes, Filigranes, Verziertes, Farbiges, Aufwendiges. Mit viel Tamtam und Chichi, Glitzer und Dekorationen drumherum.

Aber schlussendlich habe ich mich für ein Brot entschieden.

Brot ist einfach. Brot ist Heim und Herd. Brot ist zu Hause. Brot erdet.

Brot backen hat etwas sehr beruhigendes, schon fast meditatives. Sich Zeit nehmen. Die Zutaten abwägen und mischen, den Teig kneten, ihn aufgehen lassen und dann backen. Der Duft, wenn man es aus dem Ofen nimmt. Das Geräusch, wenn man es bricht. Das Brot noch ganz warm essen, obwohl es die Mutter doch verboten hat, weil man davon Bauchweh bekommt.

Es war immer ein gutes Zeichen, wenn ich Brot gebacken habe. Speckbrötchen und Zopf zu Hause, Baguettes in Bordeaux, Focaccia in der WG, Nussbrötchen in Genf und Sauerteigbrot in Aalst. Leider habe ich vor fast zwei Jahren aufgehört als es mir sehr schlecht ging.

Jetzt fange ich also wieder damit an.

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Zurück in die Vergangenheit

In ein paar Stunden ist es so weit.

Ich kann nicht schlafen. Ich sehe es vor mir wie in einem Film.

Die ganze Nacht habe ich mich hin- und hergewälzt. Ich habe grosse Angst. Ich fühle mich schuldig. Ich schäme mich. Ich bin davon überzeugt eine Versagerin zu sein. Ich denke, dass ich immer wieder von den Depressionen eingeholt werde. Egal was ich tue, egal wohin ich gehe. Ich glaube, dass ich einfach zu schwach bin, um zu leben. Ich denke daran, was ich in den Jahren schon alles an Therapien und Medikamenten ausprobiert habe. Ich bin schrecklich müde von den ständigen Kämpfen, die offenbar nie zum Erfolg führen.

Der Handywecker läutet. Wie immer habe ich ihn zu früh gestellt, weil ich meistens einen Extra-Anlauf brauche. Es ist bald Zeit aufzustehen und mich für den Tag fertig zu machen. Der fängt heute wieder um 6 Uhr an.

Mein Puls rast und ich habe Mühe zu atmen. Es ist nur in meinem Kopf. Mir passiert schon nichts. Ich muss keine Angst haben. Um mich zu beruhigen, mache ich einen Body-Scan (eine Technik, die ich in einem MBSR Kurs gelernt hatte). Aber es ist nicht genug. Meine Gefühle und Gedanken erdrücken mich. Ich bin es gewöhnt. Aber dieses Mal ist es zu viel. Ich kann nicht mehr.

Ich stehe auf. Ich gehe in die Küche, dann ins Wohnzimmer, aber ich finde keine Ruhe. Ich kribble quer über irgendeine Seite meines Tagebuchs «Es tut mir so leid». Ich verstecke mein Tagebuch unter meinem Kopfkissen und bette meinen Stoffaffen unter die Decke.

Mein Blick fällt auf das Telefon. Ich nehme es nicht mit. Ich brauche es nicht mehr.

Ich nehme nur meinen Schlüsselbund mit. Als ich das letzte Mal eine langwierige Pechsträhne hatte, habe ich mir einen Marienkäferanhänger gekauft damit er mir Glück bringt. Ich schliesse die Wohnungstür auf- und dann hinter mir zu.

Eigentlich brauche ich die Schlüssel nicht mehr, aber ich nehme sie trotzdem mit nach oben. Vielleicht für den Fall, dass ich mich umdrehe und diese Tür doch noch einmal aufschliessen werde?

Hastig steige ich eine Treppe nach der anderen nach oben bis es nicht mehr weiter geht. Ich stehe vor dem Fenster im fünften Stock. Ich öffne es, streife meine Pantoffeln ab und steige mit etwas Mühe auf den Fenstersims. Es ist dunkel draussen. Aber bald wird die Sonne aufgehen. Die Kirchenglocken läuten. Ich bin nicht ganz sicher, aber es müssen fünf Schläge gewesen sein.

Meinen Schlüsselbund mit dem Glückskäfer lege ich fein säuberlich hinter mich auf den Fenstersims.

Es wird Zeit. Entweder oder. Wenn ich noch länger warte, findet mich sicher jemand – und wie sollte ich das denn erklären? Ich will nicht, dass mich jemand sieht.

Ich habe Angst. Angst vor dem Abgrund und der Dunkelheit draussen. Aber schlussendlich erweist sich meine Angst vor dem Abgrund und der Dunkelheit drinnen als noch grösser.

Ich stehe auf, schliesse die Augen, schlucke noch einmal und dann lasse ich mich fallen.

Es tut weh. Trotz der Dunkelheit sehe ich das Blut an meinem Handgelenk und dass meine Füsse ausgefranst und blutig sind. Ich spüre den harten, kalten Asphalt unter mir.

Ich hoffe nur, dass es bald vorbei ist. Mir ist kalt. Die Kälte wird bald unerträglich, schlimmer noch als die Schmerzen und ich zittere am ganzen Körper. Die Kälte ist überall. Sie ist allumfassend. Es gibt nichts anderes mehr. Nur diese schreckliche Kälte.

Dann finden sie mich. Sirenen. Fragen. Krankenwagen. Notaufnahme. Krankenhaus. Operationssaal. Anästhesist – dann endlich – nichts.

Nur war das nicht das Ende.

Heute ist es ein Jahr her.

Ein schwieriges Jahr. Aber es geht. Wie Du siehst.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen, könnte ich diesen Zeitpunkt einfach umprogrammieren oder löschen, ich würde es tun. Ich kann aber die Zeit nicht zurückdrehen und ich kann auch nicht ungeschehen machen was geschehen ist oder was ich getan habe. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht mehr an den Punkt komme, an dem es mir wieder so schlecht geht.

Und trotz all den Verletzungen, die ich davon getragen habe, geht es mir heute in diesem Moment besser als damals. Obwohl ich meinen unversehrten Körper vermisse. Es wäre gelogen zu sagen, dass es mir jetzt richtig gut geht und alles super ist. Aber es geht.

Ich hoffe, Du machst nicht dasselbe durch – und falls doch, dass Du es Dir noch einmal überlegst und Dir spätestens jetzt Hilfe holst. Es ist noch nicht zu spät. Das Leben geht weiter, wenn Du Dir eine Chance gibst. Zu spät ist es erst, wenn es zu spät ist. Es ist erst vorbei, wenn alles vorbei ist, wenn das Leben vorbei ist. Auch wenn Weiterleben oft noch viel mehr Mut erfordert, als Hand an sich zu legen.

Hier findest Du Hilfe

Sanität Notruf: Tel 144

Polizei Notruf: Tel 117

Die Dargebotene Hand – Tel 143

Die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr da für Menschen, die ein helfendes und unterstützendes Gespräch benötigen. Tel 143 ist eine Notrufnummer nicht nur für Menschen in massiven Krisen, sondern auch für Männer und Frauen jeden Alters mit mehr oder weniger grossen Alltagsproblemen. Das Schweizer Sorgentelefon bietet Anrufenden völlige Anonymität.

https://www.143.ch/

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Für Kinder und Jugendliche

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TELEFONSEELSORGE – NOTRUF 142 / VERTRAULICH / KOSTENLOS / RUND UM DIE UHR / (auch online Beratung!)

 

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